Wirksames Antifouling - so funktioniert es
 



Mit dem zwölften Glockenschlag trat in der Silvesternacht 2008 eine Verordnung der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation der Uno in Kraft, die weltweit für klare Verhältnisse sorgt: Das komplette Verbot von TBT.
Das „TNT der Ozeane“ wurde jahrzehntelang als alternativloses Mittel gegen lästigen und schädlichen Schiffsbewuchs angesehen. Dieses Ansehen wandelte sich in eine weltweite Ächtung, als Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre Miesmuschel-, Krabben- und Langusten-Fischer ihr jahrhunderte altes Gewerbe im viel befahrenen Atlantik aufgeben mussten: Das Tributylzinnhydrid (TBT), eine metallorganische Verbindung des Zinns hatte für die Meeresbewohner die gleiche Wirkung wie die Sprengkraft des TNT – nur sehr viel langsamer und qualvoller. Ganze Populationen wurden unfruchtbar, denn das TBT verhinderte nicht nur, dass sich Muscheln, Algen und andere Lebewesen an Schiffsrümpfen festsetzte, sondern sorgte auch dafür, dass Muschelarten und andere Meeresbewohner durch irreversible Hormonschäden vom Aussterben bedroht sind. Seit 2003 ist TBT in Schiffsanstrichen deshalb von der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO für die Tonnagenschwere Berufsschifffahrt verboten, bereits im Oktober 1991 wurde das Verbot für Sport- und Freizeitboote erlassen. Seit 1. Januar 2008 ist das Gift, das auch als Stabilisator in Kunststoffen und für Textilien eingesetzt wurde, weltweit komplett verboten.

Mit Seepocken in die Antifoulingkur nach Afrika?
Weil das Verbot von Yachteignern immer wieder „umschifft“ wurde, und der Weltsegelverband IFAT zu neugierig nach Alternativen für das Gift gefragt hatte, wurde die IMO stutzig: Skipper müssen seit 2003 bei Kontrollen die Quittung für die verwendete Anitfoulingfarbe vorzeigen und damit nachweisen, dass sie TBT-frei unterwegs sind – auch das blieb eine fast wirkungslose Maßnahme. Auch in den Häfen rings um die Balearen gab und gibt es Schiffseigner, die im Kampf gegen hartnäckigen Bewuchs am Schiffsrumpf und im Bestreben um ein wirksames Antifouling demonstrativ wegschauten, wenn der Bootsservice wider besserem Wissen die weißen Kanister mit der farblosen, giftigen Flüssigkeit anschleppte. „Etwa 25 Prozent behandeln ihre Schiffe damit noch immer“, schätzt ein Insider im Hafen von Cala d’Or vorsichtig ein. Alle sehen sich nun klaren gesetzlichen Vorgaben gegenüber. Seit dem 1. Januar 2008 gibt es keine Ausnahmen, Ausreden und Ausflüchte mehr. Auch nicht für Zubehör- und Farbenhändler, die TBT in ihren Lager „vergessen haben“ weil sie sich von ungeduldigen Kunden erpresst fühlten und „das Zeug heranschafften, weil die Kunden es sich eben sonst anderswo holten“ – wie uns ein Händler aus Palma berichtete. Besonders Tunesien und andere nordafrikanische Länder galten in den letzten Jahren als beliebte Orte für den „perfekten Antifouling-Urlaub“ im Mittelmeer: Billige und willfährige Arbeitskräfte sorgten mittels TBT- oder kupferhaltiger Anstriche für reibungslose Wiederherstellung ebensolcher Schiffsrümpfe. Derartige „Urlaubs-Tipps“ von Seepocken geplagten Schiffseignern kann man in einschlägigen Foren nachlesen.

Nanotechnik – von Delfinen gelernt
Aber nicht erst seit – endgültig – Schluss ist mit TBT, suchen Eigner, Bootsservice, Handel und Industrie intensiv nach geeigneten Alternativen. Verbote von toxischen Stoffen aller Art in Antifoulings nahmen ebenso rasch zu wie die Vielfalt der Produkte, die – toxisch oder nicht – neu auf den Markt strömen. Inzwischen stehen wohl etwa 150 verschiedene Produkte zur Wahl und noch immer, so jammern diejenigen, die ihre Boote alle Jahre aus dem Wasser hieven, scheint es kaum wirksame, giftfreie Alternativen zu geben. 2002 wurden in den Niederlanden auch die kupferhaltigen Antifoulingmittel verboten. Kupfer war seinerzeit in etwa 80 Prozent aller Produkte enthalten – weltweit sahen sich Industrie und Forschung herausgefordert. Forscher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven und die TU Berlin erforschten den Delphinhaut-Effekt, der nun der Seefahrt helfen soll. Man entdeckte, dass Delphine anders als ihre Artgenossen Wale, einen perfekten Mechanismus zur Selbstreinigung besitzen. Die Delphinhaut ist extrem glatt, wird immer wieder erneuert und reinigt sich durch ständige Bewegung. Die Hautoberfläche der Delphine besteht aus nur wenigen Nanometer großen Unregelmäßigkeiten, in diesen Poren fanden die Forscher eine Gel artige Substanz, die sehr fettreich ist. Ergebnis dieser Forschung ist die Entwicklung von neuartigen und umweltfreundlichen Bewuchsschutzfarben: Bakterien oder Algen finden keine Nischen mehr, in denen sie sich vor der Strömung schützen können.

Ohne Antifouling keinen Umweltschutz
Ein effektives Antifoulingsystem spart Gewicht, Treibstoff, Zeit und Geld – und schont die Umwelt. Bauweise, Wetter- und Wasserbedingungen im Heimatrevier, Fahrweise, Geschwindigkeit und Liegeplatzbedingungen sind entscheidend bei der Produktauswahl. Alle seriösen Hersteller von Antifoulings stellen deshalb eine breitgefächerte Produktpalette bereit, alle seriösen Händler raten zur Farbe, die für die individuellen Bedürfnisse am besten geeignet ist. Und alle Beteiligten haben sicherlich als guten Vorsatz fürs neue Jahr die endgültige und komplette Verbannung TBT-haltiger Mittel von den Balearen im Sinn. Darauf eine von zwölf Weintrauben!

Ein gutes Antifouling-System erfüllt folgende Kriterien:
• Spürbare Treibstoffersparnis durch einen bewuchsfreien Rumpf
• Lange, jahrelange Wirksamkeit: Kostenintensive Aufenthalte am Trockendock sollen selten sein, die Verfügbarkeit des Schiffes soll hoch sein.
• Breites Spektrum der Anwendbarkeit
• Geringe bis keine toxischen Eigenschaften, die Säugetiere oder Menschen schädigen
• Geringe Wasserlöslichkeit
• Keine Anreicherung und Konzentration in der Nahrungsmittelkette
• Leicht abbaubar in der Umwelt
• Verträglich mit vorhandenen und künftigen Anstrichen
• Gutes Preis-/Leistungsverhältnis


Tipps für alle:
• Für Yachten, die lange im Hafen liegen und Fahrtenyachten, die grundsätzlich sehr gemächlich unterwegs sind sollen weiche Farbe verwendet werden, die sich auch bei langsamer Fahr selbst poliert.
• Aluminium-Yachten prinzipiell nur kupferfrei behandeln, es drohen sonst Schäden durch Korrosion.
• Gute Pflege des Unterwasserschiffs und ausreichende Dicke des Anstrichs ermöglichen eine Lebensdauer des Antifoulings von bis zu drei oder sogar fünf Jahren.
• Alle, das bedeutet wirklich: ALLE Rückstände von altem Antifouling, Salz (!), Öl, Fett, Schmutz müssen zuvor entfernt werden.
• Wer Farbe zu dick, auf poröse oder gesprungene Oberfläche aufbringt, riskiert Einschlüsse von Feuchtigkeit. Bei steigender Temperatur beginnen diese zu gasen, das führt zu Blasen in der Oberfläche. Blasen ausdrücken solange die Farbe noch weich ist, den nächsten Anstrich sollte erst nach dem Trocken und bei fallenden Temperaturen erfolgen.
• Geduldig sein und die empfohlenen Wartezeiten zwischen den Anstrichen unbedingt einhalten. Schichtdicke, Temperatur, Durchlüftung und Luftfeuchtigkeit beeinflussen die Trockenzeiten.
• Die Yacht niemals zu Wasser bringen, bevor das Antifouling absolut trocken ist.
• Das Unterwasserschiff auch nach dem Antifouling regelmäßig abtauchen und wo sich ungebetene Besucher niederlassen, diese sofort entfernen, bevor sie sich festsetzen.
• Das Boot regelmäßig, oft, am besten täglich fahren – denn ohne Fahrt nützt das beste Anitfouling nichts.

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